Dissertation

Essen mit/als Methode. Ethnographisch-interventionistische Perspektiven auf ein Alltagsphänomen

Als biologische Notwendigkeit und sind die Praktik des Essens und damit verbundene Prozesse Erwerbs von Nahrungsmitteln und ihrer Zubereitung allgegenwärtig. Darüber hinaus scheint es nicht nur in den letzten Jahren immer wieder Diskurse und Entwicklungen zu geben, die Essen als Produkt und Praktik auf verschiedenste Arten und Weisen thematisieren; sei es in Form von Lebensmittelskandalen, Kochsendungen, der Slow-Food-Bewegung, Eat Art oder in Supper Clubs und verschiedensten Koch- Events. Auch Akteure wie Stadtentwicklungsbüros, Nachbarschaftsinitiativen, Firmen oder politische Gruppierungen veranstalten Ess- und Kochaktionen und verfolgen mit diesen verschiedenste Ziele.

Im Zentrum der Arbeit steht die Mahlzeit als Praxis, Ort und Gegenstand gesellschaftlicher Aushandlungen. Dabei stehen insbesondere solche Situationen im Fokus, in denen – über die physiologische Nahrungsaufnahme hinaus – mit Essen und Kochen als kollektiver Handlung bewusst umgegangen wird und dabei ein bestimmter Zweck (z.B. Beteiligung schaffen, Wissen produzieren, Gemeinschaft ermöglichen) verbunden wird (Ess-Setting).

Diese Settings beschreiben zum einen das teilnehmend beobachtete Feld der ethnographischen Forschung und stellen zum anderen von mir organisierte Forschungsversammlungen unter dem Titel „taktsinn“ dar, in denen Forschungshypothesen getestet wurden und somit die Intervention als ethnographische Methode erprobt wurde. Insofern widmet sich die Arbeit nicht nur dem Thema „Essen mit/als Methode“, sondern liefert darüber hinaus einen Grundlagenbeitrag zu ethnographischer Methodologie.

Aus dem in teilnehmender Beobachtung, Interviews sowie Medienanalysen entstandenen Material haben sich die folgenden drei Kernperspektiven auf „Ess-Settings“ ergeben, die die Analyse in drei Hauptkapiteln strukturieren: So spielen erstens spezifische narrative Figuren eine wichtige Rolle dafür, dass sich Menschen zu einem gemeinsamen Essen versammeln und beeinflussen den Ablauf dieser Versammlung. Es stellt sich die Frage, welche Intentionen seitens der Veranstaltenden und welche Erwartungen seitens der Teilnehmenden dem gemeinsamen Essen und häufig auch Kochen zugrunde liegen. Die Äußerungen darüber, was die gemeinsame Nahrungszubereitung und -aufnahme leisten sollen, geben dabei Einblick in sozio-kulturelle Hintergründe und aktuelle Problemstellungen. Zweitens werden diese bereits in den Narrativen anklingenden gesellschaftlichen Dimensionen und Konflikte in der konkreten Situation beleuchtet. So werden hier zum Beispiel materielle und räumliche Aspekte der Situationen herausgearbeitet. Darüber hinaus wird aber auch die in den Settings vorhandene Gleichzeitigkeit von (Wissens-)Produktion und Rekreation kritisch beleuchtet und hinterfragt. Drittens wird die Dimension der sinnlich-leiblichen Wahrnehmungen thematisiert und nach deren Einfluss auf das Entstehen eines kollektiven Ereignisses gefragt. Dabei stellt sich u.a. die Frage nach der Greifbarkeit dieser sinnlich-impliziten Wahrnehmungen und wie diese zu einem intersubjektiv verhandelbaren Gegenstand innerhalb dieser Versammlungen und in der wissenschaftlichen Analyse werden können.

Diese drei Perspektiven werden schließlich zu einem methodologischen Vorschlag zusammengeführt, wie nicht nur über sondern mit Essen geforscht und Wissen produziert werden kann. Dieser geht weit über eine herkömmliche Reflexion der angewendeten Methoden hinaus und stellt somit – verglichen mit anderen kulturwissenschaftlichen Ethnographien – eine Besonderheit meines Ansatzes dar. Die Relevanz der Promotionsforschung ergibt sich hierbei erstens aus dem Gegenstand selbst: dem gemeinsamen Essen und Kochen als alltägliches Phänomen. Unter anderem die analysierten Narrative zeigen, dass Nahrungszubereitung und -aufnahme seit jeher transkulturell Bedeutung zugeschrieben wird. Doch genau diese (vermeintliche) Universalität wird sowohl im Alltag als auch in der kulturwissenschaftlichen Forschung über Essen kaum hinterfragt. So werden zweitens die Themen Nahrungsmittelproduktion sowie Nahrungsaufnahme zwar immer wieder kulturwissenschaftlich behandelt, dabei bleiben jedoch die konkreten Praktiken und die Frage danach, warum und wie genau Menschen dem Essen – abseits von physiologischen Gründen – Bedeutung beimessen, meist unterbeleuchtet.

Die Arbeit rückt mit der ethnographischen Beschreibung konkreter Ess-Settings diese Praktiken und Beweggründe in den Vordergrund und zeigt auf, wie kollektives Essen und Kochen in Stadtentwicklung, Kunst und Wissenschaft bereits genutzt werden. In den daraus entwickelten experimentellen Settings werden diese Erkenntnisse weiter systematisiert, getestet und ein Instrumentarium entwickelt, das für die Praxis sowohl von qualitativ forschenden Wissenschaftler*innen als auch von Praktiker*innen in diesem Bereich relevant ist.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>